Yin Yoga und Yang Yoga - was macht den Unterschied?

Gerade Yoganeulinge können sich nur schwer vorstellen, was mit Yin Yoga bewirkt werden soll. Den Sinn des aktiven, yang-betonten Yoga kann man noch nachvollziehen, weil es "anstrengend" ist, aber einfach nur abhängen? Wozu?

In diesem Artikel möchte ich gerne die Unterschiede zwischen Yin Yoga und Hatha Yoga erläutern.

1. Warum machen wir Yoga?

Den meisten Menschen, so auch mir, gelingt der Einstieg zum Yoga über die körperliche Betätigung, die Asanas (Positionen). Vernünftig ausgeführt, bietet Yoga eine Fülle von Übungen, die den Körper stärken, dehnen, entspannen, ausbalancieren.

Außerdem, wenn auch häufig vernachlässigt, bietet der Yoga zahlreiche Atemtechniken (Pranayama), mit denen wir unser Nervensystem positiv auf gewünschte Weise beeinflussen können (aktivierend, beruhigend, ausgleichend).  Der Fokus einer Yogapraxis ist:

  • Wahrnehmen ohne Bewerten
  • Der Willen gibt sich dem Atem hin
  • Die Qualität des Moments ist wichtiger als das Erreichen eines Ziels
  • Gleichgewicht von Disziplin und Weichheit
  • Körper und Geist/Seele stehen in Wechselwirkung
Gedrehter Drache

2. Was bedeuten Yin und Yang?

In der chinesischen Weltsicht des Tao sind Yin und Yang zwei zusammenhängende Aspekte aller Objekte auf der Welt. Yin und Yang stehen für unterschiedliche Qualitäten dieser Objekte und bilden eine Einheit. Das eine exisiert nicht ohne das andere, und sie beide beschreiben komplementäre Eigenschaften. Harmonie entsteht aus der Balance von Yin und Yang.

Sind Yin und Yang im Menschen im Gleichgewicht, ist der Mensch gesund. Disbalancen finden ihren Ausdruck in Krankheiten und Beschwerden.

Eine Übersicht über die Aspekte von Yin und Yang kannst du hier herunterladen.

3. Wie unterscheiden sich Yin Yoga und andere Yogastile?

Die Praxis des Yang Yoga

Häufig ist der Fokus in den Yogastudios auf den muskulären Ebene. In einem yang-orientierten Yogastil wie Ashtanga-Yoga, Vinyasa-Yoga, Yoga-Flow u.v.m. wird einem warm und der Kreislauf fährt hoch. Yang-Gewebe wird „Yang“ trainiert/gefordert. Dies bedeutet für die Muskeln:

  • Rhythmische, wiederholende Belastung
  • Kurze Dauer der Kontraktion (max. 1 min)
  • Arbeiten gegen die Schwerkraft
  • In der Aktivität des Körpers wird der Atem angeregt
  • In der Konzentration auf die Bewegung kommt der Geist zur Ruhe
  • Abschließendes „Cool down“ und Entspannen

Die Praxis des Yin Yoga

Im Yin Yoga werden nicht die Muskeln, sondern das Bindegewebe trainiert. So wie der Muskel unter der passenden Belastung gestärkt wird, so werden auch Bänder, Sehnen und Knochen unter Belastung gestärkt. Dies geschieht durch Kompression oder Zugbelastung (Dehnen). Yin-Gewebe wird „Yin“ trainiert/gefordert. Dies bedeutet für Bindegewebe und Faszien:

  • Ruhiges Dehnen (=Belasten) im Bereich der ersten gefühlten Grenze
  • Längeres Verharren (mind. 3 Minuten)
  • Abgeben an die Schwerkraft
  • In der Ruhe des Körpers kommt der Atem zur Ruhe
  • In der ruhigen Achtsamkeit kommt der Geist zur Ruhe
  • Abschließendes Entspannen (mehrere Atemzüge)

4. Warum sollte ich Yin Yoga praktizieren?

Mit unserer schnellen Lebensweise und wenig Zeit zur Selbstbesinnung und innerer Einkehr gerät häufig die seelische Balance aus dem Gleichgewicht. Dies äußert sich auch auf körperlicher Ebene in Form von Festigkeit, Steifigkeit, Verkürzungen, flachem Atem und weiteren Stresssymptomen. Sind die Muskeln sehr verspannt und verkürzt, führt ein Training mit dem Ziel „Kraftaufbau“ zu weiterer Festigkeit und ist kontraproduktiv.

Mit der ruhigen, das Loslassen trainierenden Praxis des Yin Yoga kommt das zentrale Nervensystem zur Ruhe, wodurch der Muskeltonus heruntergefahren wird. Die Belastung des Bindegewebes (der Oberflächenfaszie, der Bänder an den Gelenken, der Sehnen am Übergang von Knochen zu Muskeln etc.) bewirkt eine anschließende Durchfeuchtung, wodurch die Gelenke flexibler werden. Außerdem beschäftigen wir uns auf mentaler Ebene mit den eigenen Grenzen am Übergang von „Gut auszuhaltender Wohlschmerz“ zu „Das-ist-zuviel-Schmerz“ und lernen, den eigenen Ehrgeiz loszulassen. Eine wohltuende, äußerst entspannende Erfahrung!

Unterstützte Schulterbrücke

 5. Yin und Yang in den Lebensphasen

Wir alle werden nicht jünger (zumindest auf körperlicher Ebene). Im Alter verliert das Bindegewebe an Elastizität, da immer weniger Wasser und Kollagen in den Strukturen gespeichert ist. Der Körper wird fester und unbeweglicher, Knochen werden spröder, Knorpel fester. Dadurch geht die Elastizität insgesamt verloren. Eine gemäßigte, achtsame Praxis wie das Yin Yoga ist empfehlenswert, die festen Bestandteile des Körpers so zu trainieren, dass sie den Körper für die aktive Praxis (Wandern, Gehen, Laufen, alle Arten von Sport und natürlich auch Yoga) stabilisieren.

Interessiert? Schau auch meinen Beitrag hier: Drei Asanas, die jeder praktizieren sollte

Für Muskeln, Bindegewebe, Faszien, das Gehirn, das Leben insgesamt gilt:

Was nicht genutzt und gefordert (belastet) wird, geht verloren.
Was gefordert wird, wächst und entwickelt sich.
Was überfordert wird, wird geschädigt oder zerstört.