Pilates und Yoga: Was verbindet, was trennt sie?

Immer wieder werde ich gefragt: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Yoga und Pilates?

In der Tat: manche Flows, also Sequenzen von Bewegungen, sehen einander sehr ähnlich. In meinem Übungsrepertoire befinden sich einige Abfolgen, die sowohl in der Yogastunde als auch in den Pilatesstunden Anwendung finden. (So z.B. die “Schwünge im Sitzen”).

Was ist also bei beiden Konzepten ähnlich, was verbindet sie?

Bewusst, achtsam und genau

Beiden Ansätzen ist gemeinsam, dass die Bewegungen bewusst, achtsam und genau ausgeführt werden sollen. Keine Automatismen, keine routinierten Abläufe, sondern Genauigkeit und Präzision. Sowohl im Pilates als auch im Yoga konzentriert man sich auf die Ausführung. Scheinbar paradoxerweise führt diese Art der Konzentration zum Entspannungsgefühl nach der Stunde.

Langsam und kontrolliert in der Selbstbeobachtung

Weder Pilates noch Yoga sind ein Cardio-Training. Die Bewegungsabläufe geschehen langsam und kontrolliert. Die Langsamkeit ermöglicht eine ständige, liebevoll-kritische Selbstbeobachtung, das “In-sich-hineinspüren”. Diese Art des Kontakts mit sich selbst erzeugt auf längere Sicht mehr Nähe zu sich selbst.

Go with the flow

Der Anspruch, einen fließend-organischen Unterricht aufzubauen, hat zum Glück sowohl im Yoga als auch im Pilates Einzug gefunden. Der Unterricht ist kein Drill oder hartes Fitnessprogramm, sondern führt die Teilnehmerinnen geschmeidig in ein Flow-Erlebnis.

Was unterscheidet dann die beiden Ansätze?

Die Zielsetzung:

Das Ziel des Yoga ist die Verbindung von Körper und mentalen Aspekten im Rahmen der einer ganzheitlichen Lebensführung.

Grundlage hierfür ist das 5-Schichten-Modell des Menschen (Panchamaya-Modell, ich werde es später beschreiben), und der Achtfache Pfad, in dem Verhaltensweisen für eine gesamte Lebensführung formuliert sind. In einer guten Yogastunde werden Körper, Energie und mentale Einstellung integriert und harmonisiert. Ein Yogi hat meistens den Anspruch, das Yoga auch in seine Lebensweise zu übertragen.

Zielsetzung des Pilates ist es, Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen und ihn zu stärken.

Das Ziel ist rein körperlicher Natur. Es gibt keinen philosopohischen Überbau, nichts Esoterisches. Es geht um Verbesserungen auf körperlicher Ebene: Kräftigung und Koordination, Streckung, Geschmeidikeit - unterstützt von der speziellen Atemtechnik. Pilates hat nichts mit einer Lebensgestaltung zu tun.

Der Fokus

Der Fokus beim Yoga liegt in der gehaltenen Dehnung

…die durchaus eine starke Muskelarbeit implizieren kann. Aber trotz anstrengender Asanas ist die Dehnung ein ganz zentraler Aspekt. Im Verweilen in den verschiedenen Positionen und im Halten über mehrere Atemzüge entsteht Raum, in die Dehnung hineinzuspüren. Über kurz oder lang verbessert sich die Beweglichkeit der Muskelketten.

Der Fokus beim Pilates liegt in der Körpermitte, dem Powerhouse.

Alle Bewegungen gehen von dieser Mitte aus und haben die Zielsetzung, genau diese Mitte spürbar zu machen. Sie soll gekräftigt und stabilisiert werden und für alle Bewegungen der Ursprung sein. Im Pilates ist man ständig in Bewegung. Es gibt keine gehaltenen Positionen. auch hier verbessert sich die Beweglichkeit, vor allem aber wird gekräftigt.

Die Atemtechnik. Im Yoga und im Pilates wird der Atem verlangsamt. Aber:

Im Yoga geschieht die “Atembremse” durch die Ujjayi-Atmung.

Bei dieser Atemtechnik wird die Kehle verengt, was den Ausatem verzögert. Der Mund ist geschlossen - folglich wird auch durch die Nase ausgeatmet. Neben der Wärme erzeugenden Ujjayi-Atmung gibt es noch zahlreiche andere Arten der Atemführung. Die verschiedene Atemtechniken (Pranayama) sind ein wesentlicher Bestandteil der Yogapraxis.

Im Pilates wird durch die Nase ein- und durch die sanft geschlossenen Lippen ausgeatmet.

Es gibt nur die eine Atemtechnik, nämlich die Pilates-Atmung. Dabei zieht der Bauch immer weiter nach innen, die Atembewegung ist überwiegend im Brustraum. Der Einatem fließt in die Flanken. Die Pilates-Atmung führt in die Zentrierung, da das Zwerchfell nach innen-oben gleitet.

Das waren einige der Charakteristika der beiden Bewegungskonzepte. Beide ergänzen einander. Und beide tragen ganz wesentlich zum Wohlbefinden bei!